08.12.2016

Unter Brüdern ... und Schwestern

Drei Monate war Pastor Frieder Vollprecht von der Brüdergemeine im Rahmen eines beruflichen Sabbaticals Stipendiat der Missionsakademie. Er hat die Zeit intensiv genutzt, um sich in Fragen des interreligiöse Dialogs zu vertiefen und Impulse aus der Theologie Zinzendorfs dafür fruchtbar zu machen. Auf dem Foto wird er von der Geschäftsführerin der MA, Dr. Uta Andrée, verabschiedet und bedankt sich mit einem hochinteressanten Vortrag über weitere Vertiefungsmöglichkeiten innerhalb der ökumenischen Bewegung.

Aufgewachsen ist Pastor Vollprecht in Ebersdorf/Thüringen. Seine theologische Ausbildung hat ihn nach dem Theologiestudium in Ost-Berlin an der kirchliche Hochschule (Sprachenkonvikt) ins Vikariat nach Herrnhut geführt. Nach Pfarrstellen in Berlin und Neuwied war er als Gemeindepfarrer und Dozent für Kirchengeschichte und Geschichte und Theologie der Brüdergemeine in Paramaribo (Suriname) tätig. Nach seiner Zeit in Südamerika hat er in Bad Boll als Mitglied der Kirchenleitung und Vorsitzender der Direktion gewirkt, bevor er 2014 seine jetzige Pfarrerstelle in Basel und Bern angetreten hat. Es ist nicht zuletzt sein umfangreiches Wirken, sondern auch seine Tätigkeit am Berner „Haus der Religionen“, die ihn auf besondere Weise mit der Ökumene verbindet

In seiner Zeit in Hamburg an der Missionsakademie waren es vor allem zwei Aspekte der Theologie Zinzendorfs, die er besonders untersucht hat.

Zum einen die „Tropenidee“ als mögliches Modell für ein konstruktives Verhältnis der christlichen Konfessionen untereinander. Dahinter steht ein theologischer Denkansatz, der die verschiedenen geschichtlich gewachsenen konfessionellen Traditionen („Religionen“) als besonderen Schatz begreift, sie nicht einebnet oder aufhebt, sondern positiv aufnimmt und institutionalisiert. Dieser Ansatz kann sich auf einen Ausspruch Zinzendorfs auf der Synode in Ebersdorf am 9. Juni 1739 berufen: „Ich glaube, der Heiland hat was drunter, dass die Religionen (Konfessionen) so divers sind; er gewinnt mehr, als wenn sie alle in eins geschmissen würden.“ Wenig später hat Zinzendorf diesen Ansatz vertieft mit dem Hinweis, dass die Konfessionskirchen „Gottes Ökonomie, die Wahrheit und Liebe zu seinem Sohn an die Menschen zu bringen nach ihrer Fasslichkeit und nach des Landes Temperatur und Luft“ sind. Der „Heiland hat die Religionen alle unter seiner Geduld und will sie nicht abgeschafft wissen.“ (Synode in Marienborn am 21. Mai 1744) Dieser Ansatz widerspricht auch der damals schon weitverbreiteten These, dass es nur eine wahre Konfession geben kann. Stattdessen hebt er hervor, dass unterschiedliche konfessionelle Ansichten für verschiedenen Menschen „verschieden eingerichtet oder ausgeformt worden sind.“ (Jüngerhausdiarium 1749) Nach Zinzendorf sind sie besondere Erziehungsweisen Gottes (griechisch: tropoi paideias tou theou - deshalb Tropenidee), durch die Gott unterschiedliche Menschen in ihrer jeweiligen Eigenart zu sich führen will. Innerhalb der Brüdergemeine hat diese Vorstellung zu den drei lutherischen, reformierten und mährischen „Tropen“ geführt. Sie werden durch jeweils eine Persönlichkeiten repräsentiert, die in ihrer Kirche eine leitende Stellung innehaben und die als „Tropenbischöfe“bei den Synoden der Brüdergemeine darüber wachen, dass nichts beschlossen wird, was im Widerspruch zu ihrer jeweiligen Konfession steht. Dahinter steht das Prinzip der modernen ökumenischen Bewegung, die nicht auf Abschaffung der gewachsenen konfessionellen Unterschiede zielt, sondern das Prinzip der „Einheit in der Vielfalt“oder „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ vertritt. Die Frage ist, ob dieser auf die verschiedenen christlichen Konfessionen bezogene Denkansatz auch auf das Verhältnis der Weltreligionen zueinander bezogen werden kann.

Der zweite von Vollprecht untersuchte Aspekt ist die „Christozentrik“ Zinzendorfs als möglicher Ansatzpunkt für ein zeitgemäßes Missionsverständnis und für einen Dialog mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit. Karl Barth hat über diesen Ansatz Zinzendorfs gesagt, dass es „schon kein Zufall sein“ wird, „dass derselbe Mann, der in seiner Predigt, Dichtung und Dogmatik (sofern er eine solche hatte) der größte – und vielleicht der einzige ganz echte Christozentriker … der Neuzeit gewesen ist, vielleicht auch der erste echte, d.h. ganz von der Sache aus denkende und redende Ökumeniker genannt werden muss.“ (Karl Barth über Zinzendorf in: KD IV/1, 763.) Nach dem Ansatz des Christozentrismus ist jedem Mensch grundsätzlich die Fähigkeit einer gewissen Gotteserkenntnis angeboren. Zugleich besteht aber eine tiefe Kluft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, die von menschlicher Seite nicht überwunden werden kann. Alle tiefere Gotteserkenntnis ist deshalb von Anfang nicht nur beschränkt, sondern nahezu unmöglich. Bei allen Aussagen, die über die bloße Feststellung hinausgehen, dass es einen Gott gibt, kann deswegen nur die Selbstoffenbarung in Christus Gottes Maßstab sein. Die Unmöglichkeit des Menschen, Gott zu erkennen, bezieht sich auch auf die göttliche Natur Christi. Das Göttliche kann nur in seiner Menschlichkeit erkannt werden. Alle Gotteserkenntnis, die über das hinausgeht, was in der Menschennatur Jesu erkennbar ist, ist nur durch das Wirken des Heiligen Geistes möglich, das prinzipiell unverfügbar bleibt. Und alle theologischen Aussagen darüber (einschließlich der Trinitätslehre und der Zweinaturenlehre) blieben vorläufig und auf Korrektur angewiesen. Auch bei diesem Ansatz bleibt die spannende Frage, inwieweit die Konzentration auf die Menschlichkeit Jesu fruchtbar gemacht werden kann für einen Dialog mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit.


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