26.05.2016

Gerechtigkeit als hermeneutischer Schlüssel für die Auslegung von Bibel und Koran

Vom 11. - 16. April 2016 fand in der Missionsakademie an der Universität Hamburg eine internationale Studienwoche zu dem oben genannten Thema statt. Inhaltlich wurde sie vom Referat für den Christlich-Islamischen Dialog des Zentrums für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit in Zusammenarbeit mit der Missionsakademie und mit Unterstützung der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg vorbereitet und durchgeführt. Gefördert wurde das Vorhaben durch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Arbeitsstelle für das Reformationsjubiläum in der Nordkirche und die Gustav Prietsch-Stiftung.

Teilgenommen haben an der Studienwoche fünfzehn christliche und muslimische Gäste von den Philippinen, aus Tansania, Nigeria, Kenia, Palästina, aus den USA, den Niederlanden und Dänemark, die alle im christlich-islamischen Dialog ihrer Länder in Gemeinden, an Universitäten und in Dialoggruppen – z.T. seit Jahrzehnten - engagiert sind. Die eingeladenen Personen aus Indien mussten leider wegen Visaproblemen kurzfristig absagen.
Aus Deutschland haben dreizehn Personen die gesamte Zeit und fünfzehn punktuell an der Tagung teilgenommen: Imame, Pastorinnen und Pastoren, christliche und muslimische Studierende, Doktorand_innen und Ehrenamtliche aus Dialoggruppen. Eine große Bereicherung war auch die Teilnahme von Stipendiat_innen der Missionsakademie, u.a. aus Ghana und Indien.



Inhaltlich setzte die Studienwoche drei Schwerpunkte:

1. Gemeinsames Studium zentraler Texte der Hebräischen Bibel, im Neuen Testament und im Koran zur Frage der Gerechtigkeit

In die jeweiligen Gerechtigkeitsvorstellungen der abrahamitischen Religionen wurde durch Fachvorträge mit anschließender Diskussion aus jüdischer Sicht (Rabbiner Jonathan Wittenberg), aus christlicher Perspektive (Prof. Dr. Werner Kahl) und aus muslimischen Blickwinkel (Prof. Dr. Katajun Amirpur) eingeführt. Anschließend haben die Teilnehmer_innen das Textstudium in Kleingruppen fortgesetzt. Dabei wurde jede Arbeitsgruppe für je eine Einheit von je einem der Referent_innen der Fachvorträge begleitet. An einem weiteren Studientag ermöglichte die Einführung in buddhistische Gerechtigkeitsvorstellungen (Dr. Carola Roloff) eine Pointierung des Erarbeiteten durch den Dialog mit einer weiteren Weltreligion.

Eine Vertiefung der gemeinsamen Arbeit mit dem Koran ermöglichte den Teilnehmer_innen die Vorstellung des 1. Bandes des Studienkorans durch seinen Herausgeber W. Kahl. Der Studienkoran ist eine chronologische Anordnung der frühmekkanischen Suren, die textnahe übersetzt und reimschematisch dargestellt sind. Die Beschäftigung mit diesen Texten erschließt eine große inhaltliche Nähe von jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen.

Exemplarisch wurde die Textarbeit dann auf das Praxisfeld „Flucht und Gerechtigkeit“ angewandt. Dazu haben die Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche (Pastorin Dietlind Jochims), ein bildungspolitischer Referent des Zentrums für Mission und Ökumene (Dietrich Gerstner) und ein Flüchtling aus Somalia (Indho Abyan) mit der Studiengruppe gearbeitet und von ihrer Arbeit berichtet. Für die ausländischen Gäste hat gerade die Erläuterung des in Deutschland möglichen „Kirchenasyls“, das auch von muslimischen Flüchtlingen genutzt wurde und wird, großen Gesprächsbedarf ausgelöst.



2. Austausch über die Geschichte und den Stand der christlich-islamischen Beziehungen und aktuelle Dialogaktivitäten in den jeweiligen Länderkontexten

Die ausländischen Teilnehmer_innen des Studienprozesses waren schon vorab gebeten worden, Vorträge über den christlich-islamischen Dialog in ihren Ländern vorzubereiten. Die Diskussionen über ihre hochinteressanten Berichte begleiteten die gesamte Woche. Hilfreich war, dass eine Zusammenfassung dieser Länderstudien allen Teilnehmer_innen schon vor Beginn der Tagung ausgehändigt werden konnte (siehe die Missionsakademie Publikationsreihe TIMA 11, auch auf der website der MA), so dass der Austausch sich darauf beziehen konnte. Für die deutsche Seite war ein solcher Bericht ebenfalls Teil des Readers und wurde durch die Erkundigungen vor Ort (siehe 3. Schwerpunkt) erweitert und vertieft.

3. Facetten des interreligiösen Dialogs in Hamburg und eine öffentliche Abendveranstaltung zum Tagungsthema an der Universität Hamburg

Die Vielfalt des interreligiösen Dialogs in Hamburg wurde durch eine Stadtrundfahrt deutlich, während der Gespräche in einem Tibetischen Zentrum, in einer Moscheegemeinde, die eine ehemals evangelische Kirche zu einer Moschee umbaut, in einer evangelischen Kirche in St. Georg und in einer Synagoge geführt wurden.
In einer Abendveranstaltung an der Universität Hamburg, an der knapp 300 Personen teilnahmen, wurde der Studienprozess der interessierten Öffentlichkeit unter der Überschrift „Auf dass die Welt gerechter werde – der Beitrag des interreligiösen Gesprächs“ vorgestellt: Nach einleitenden Voten führender Geistlicher der Stadt (Bischöfin Kirsten Fehrs, Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, Landesrabbiner Shlomo Bistritzky, Imam Ramazan Ucar, Ayatollah Dr. Reza Ramezani) darüber  was ihnen der Dialog der abrahamitischen Religionen in Hamburg persönlich bedeutet, machte der Vertreter der Freien und Hansestadt Hamburg (Staatsrat Dr.  Christoph Krupp) deutlich, dass die Religionen eine wichtige Rolle für ein friedliches Miteinander in der Stadt wahrnehmen. In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Vertreter_innen der Akademie der Weltreligionen (Prof. Dr. Ephraim Meir, Prof. Dr. Ulrich Dehn, Prof. Dr. Katajun Amirpur, Prof. Dr. Wolfram Weisse) unter der Leitfrage „Der interreligiöse Dialog und die eine gerechte Welt“.

Zusammenfassend ist die Studienwoche als großer Erfolg zu werten. Die Teilnehmer_innen sahen sich durch den Austausch und gerade die gemeinsame Lektüre heiliger Schriften bereichert und betonten die Notwendigkeit, sich stärker zu vernetzen und sich über konkrete Projektideen weiter auszutauschen. Gerade der christlich-islamische Dialog sei gefordert, einmal das Friedenspotential der Religionen zu betonen und andererseits seine Stimme in die weltweiten Gerechtigkeitsdiskurse einzubringen. Von daher bestand der einhellige Wunsch, dieses Format der internationalen christlich-muslimischen Studienprozesse fortzusetzen und zu vertiefen, ggfs. indem man sich auf einen Teilaspekt der Gerechtigkeit wie z.B. Verteilungsgerechtigkeit oder Geschlechtergerechtigkeit konzentriert.


Axel Matyba & Werner Kahl

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